Manche Geschichten entstehen nicht allein – sie wachsen im Zusammenspiel, im Austausch und im gemeinsamen Erzählen.
Viele meiner Geschichten haben ihren Ursprung in Rollenspielen – dort, wo Figuren entstehen, sich verändern und ihren eigenen Weg gehen.
Ganz einfach: die Story mithilfe eines Rollenspiels selbst zu schreiben.
Am Anfang steht erst einmal das Entwerfen der Figuren. Der Gegend, in der sie sich aufhalten. Ihrer Vergangenheit, ihrer Ziele. Auch das Aussehen sollte festgelegt werden. Steht der „Char“, und ebenso der des „Mitspielers“, kann es losgehen. Man trifft sich in einem Chatraum und beginnt zu schreiben – so, wie man es auch für einen Roman tun würde.
Natürlich muss die Umgebung beschrieben werden, was der Charakter gerade macht oder denkt. Führe ich Geralt im PC-Rollenspiel mithilfe der Pfeiltaste nach oben durch die Straßen von Maribor, so muss ich das beim Rollenspiel in Worte kleiden. Ebenso Gesten, Gesichtsausdrücke – zum Beispiel, wenn mein Charakter über einen großen Stein stolpert, weil er gerade über die Schulter zurückgesehen hat.
Erzählte ich nicht erst auf der Seite zuvor, dass ich mit dem Plotten nicht klarkomme? Was ist mit der Entstehung der RS-Charaktere? Ist das nicht schon eine Art Plotten?
Genau genommen … ja.
Habe ich damit auch so Probleme? Nein.
Ich weiß, es klingt kurios. Aber es ist so. Kann ich innerhalb einer Stunde einen neuen Charakter erschaffen, wird das für den Roman oftmals ein Problem. Gut, die Charaktere sind einfacher zu entwickeln. Sie sind halt, wie sie sind, und reagieren dementsprechend im „Play“.
Da ich aber nicht alleine in diesem Raum sitze (früher waren wir gut an die zehn Player), entsteht die Welt vor einem, während man schreibt. Die Ideen der anderen fließen mit ein, lassen einen leichter auf etwas reagieren oder etwas in diese Welt hinzufügen. Innerhalb weniger Stunden entsteht so ein „Teil aus einer Welt“, für die ich allein sicher Wochen bräuchte – wenn mir so viel überhaupt einfallen würde.
Bin ich deswegen faul, eine Welt zu entwerfen? Nein. Es mangelt ja nicht am Willen. Es fällt mir nur viel leichter, etwas Kleines, Vorgegebenes zu etwas Großem aufzublasen. Das kennt ihr sicher auch: Wenn jemand mitmacht, fällt es einem einfach leichter.
Wie läuft das Ganze dann ab?
Nun, der Großteil der Begebenheiten steht, unsere Charaktere sind startbereit. Wie bringt man sie ins Spiel? Ich erwähnte ja schon, dass man alles aufschreibt. Ist man mit seiner Erläuterung fertig, ist es an den anderen, darauf zu reagieren und ihre Chars zu „bewegen“.
Da im Chat am Anfang der Name des Charakters steht, kann man recht gut einordnen, was zu wem gehört. (Okaaaay … das kann schon mal chaotisch werden, wenn zehn Leute gleichzeitig schreiben.)
Früher schrieben wir die Aktionen, das Denken in * oder ~. Bei meinem aktuellen Rollenspiel halten wir es aber so, dass wir selbst das wie in einem Roman schreiben.
Ein kleines Beispiel:
Wohl eher nicht. Leider. Also nicht, dass die Geschichte nicht erzählenswert wäre! Nein, ganz im Gegenteil! Und auch, wenn wir in „Buchform“ schreiben, wäre es nicht damit getan, ein Play an das andere zu setzen und das Ganze in den Druck zu schicken. Die würden uns eh fragen, ob wir einen Schatten haben.
Meine Playpartnerin hat neulich mal alle Seiten, die wir in den knapp zwei Jahren geschrieben haben, zusammengefasst. Das wären an die !!!! 2000 !!!! Seiten. Normale Seiten. KEINE Normseiten! Da könnt ihr euch vorstellen, was wir an einem Abend weghauen. Dabei spielen wir nur einmal die Woche. Ab und an kommt es auch mal vor, dass wir eine Pause machen, weil uns das Reallife so fordert.
Aber einfach Seite 1 – 2000 wegzuschicken – damit ist es halt nicht getan. Jeder Autor weiß: Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Das beliebte Überarbeiten.
„Ja, aber ihr seid doch zu zweit!“, werdet ihr jetzt sagen. Ja. Zwei wie Wasser und Feuer.
Wo meine Playpartnerin immer alles explizit auflistet, bin ich jemand, der schon mal Apfelbäume dahin stellt, wo es gar keine gibt. Also nicht in der Arktis – so weit kann selbst ich denken. Ich bin da eher: Lassen wir’s mal laufen und gucken, was es noch bringt, während mein Pendant schon jetzt weiß, welche Route unsere Charaktere in fünf Wochen gehen werden.
Ja, da prallen zwei Welten aufeinander. Das macht die ganze Sache spannend. Oftmals auch anstrengend. Für meine Partnerin wohl mehr als für mich.
Von daher würde das mit der Überarbeitung überhaupt nicht hinhauen. Weil wir auch zwei ganz verschiedene Sichten auf die Geschichte haben. Das Salz in unserer Suppe. Aber ab und an kommt uns der Salzstreuer eben auch mal aus.
Es ist bemerkenswert, dass es Autoren gibt, die es schaffen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Klar tut’s irgendwo weh, weil da ein riesiger Stapel Papier vor einem liegt, der erzählt werden will.
Aber wer weiß. Vielleicht finden wir irgendwann mal eine Möglichkeit, aus diesem Rollenspiel einen Roman zu formen.